GÜNTHER KRABBENHÖFT

das KULTURgespräch   

GÜNTHER KRABBENHÖFT

EIN GESPRÄCH ÜBER KLEIDUNG UND EIN JA ZUM LEBEN

das KULTURgespräch   

virtualdesignmagazine Michael Hiller

Unruhestand, ja. Viele sagen, jetzt bin ich 65, jetzt bin ich 66, mal schauen was noch kommt. Heutzutage ist es nicht ungewöhnlich, dass man 90 oder 95 Jahre alt wird. Wenn man mit Mitte 60 aufhört Neues zu entdecken, verschenkt man vielleicht 25, 30 Jahre, einen großen Teil des Lebens.

Günther Krabbenhöft

Ich sag immer den Leuten, es ist so wichtig neugierig zu sein. Nicht aufhören damit, weil man so ein Alter hat und dann denkt, ach das schickt sich nicht mehr.

Also für mich ist es so ein gutes Beispiel, wenn ich  manchmal aus dem Club komme und dann an einen Spielplatz komme, habe ich wirklich unbändige Lust, auf die Schaukel zu springen. Und dann sage ich immer, wissen Sie, mit 80 auf der Schaukel oder mit 8, das Gefühl, es geht nach oben und dann nach unten, das ist mit 80 noch genauso wie damals mit 8. Es gibt kein Verfalldatum, keine Altersgrenze, wenn ich fit bleibe. Natürlich ist das die Voraussetzung. Aber auch das fit bleiben hat viele Gründe, Ursachen und so. Klar, es gibt Genetik und was mache ich mit meinem Körper noch, auch wenn ich älter bin? Fordere ich ihn noch oder lasse ich mich nur in den Sessel plumpsen? Und dann schauen wir mal – das ist nicht meins. Und ich bin auch nicht der Großvater, der zu Hause sitzt und wartet, dass Opa besucht wird. Das ist mein Leben jetzt. Ich war immer für andere da. Wenn man etwas von mir möchte und die Kinder und Enkel, dann ist das überhaupt kein Thema, aber ich lebe, ich will leben und andere verstehen etwas anderes darunter und das ist auch okay und es ist auch richtig. Wichtig ist, ob ich mich glücklich fühle bei dem, was ich mache und das kann unterschiedlich sein und wenn ich gerne auf dem Stuhl sitze und dem Spiel der Wellen am See zuschaue, ist das in Ordnung. Hauptsache es ist Glück und ich sitze nicht am See und denke: War das alles?

virtualdesignmagazine Michael Hiller

Sie tun eigentlich genau das – das ist genau der Punkt. Sie tun das, was letztendlich Leben ausmacht: Sie leben das Leben. Und das ist komplett altersunabhängig. Und wenn man das noch mit dieser Gesamtinspiration verbindet, also wie Sie das Leben wahrnehmen, wie Sie die Menschen wahrnehmen – dieses Durch-das-Leben-Gehen, dieses Durch-das-Leben-Tanzen, dann beruht das ja auch darauf, dass eine Reflexion entsteht: von jungen Leuten, von älteren Menschen, durch die Begegnungen mit Menschen überhaupt. Und letztendlich ist es immer eine Reflexion auf beiden Seiten. Das macht das Ganze ja auch aus.

Und da denke ich dann: Wenn man das nicht erfährt, wenn man nicht viele Dinge auch selbst erlebt und sagt, ich lasse mich einfach mal auf etwas Neues ein, dann kann man eigentlich nie in so eine Faszination kommen, wie die, in der Sie Ihr Leben leben. Und das finde ich persönlich unheimlich inspirierend, muss ich sagen.

 
 

 

Günther Krabbenhöft

Gerade wenn Leute fragen: Wieso bist du eigentlich so gut drauf? Dann antworte ich: Wenn man seine Endlichkeit begreift, dann habe ich doch gerade dieses Gefühl – das, was mir noch bleibt, möchte ich mit Freude leben. Ich möchte versuchen, es mir gut gehen zu lassen.

Dieser Trübsinn, dieses ständig Grummelige – das bringt mich doch nicht weiter. Es tut nichts für mich.

Ich bin so dankbar, dass es mir gesundheitlich gut geht. Das ist alles nicht selbstverständlich. Und Dankbarkeit ist wirklich ein ganz wichtiges Wort für mich, weil es eben nicht selbstverständlich ist. So sehe ich das.

Aber das kommt wirklich daher, dass ich Zeiten hatte, in denen ich kurz davor war, nicht zu leben. Ich habe diese Tiefen und Abgründe gespürt. Über längere Zeit. Und ich habe mich da herausgekämpft, weil ich es wollte.

Das kriegt vielleicht nicht jeder hin. Aber ich habe immer gemerkt: Ich bin der Schlüssel für alles. Ich kann es nur ändern und bestimmen.

Und wenn ich es alleine nicht kann, dann muss ich mir Hilfe holen. Es ist das Beste, wenn ich Freunde habe, denen ich mich öffne.

Freunde sind für mich mit das Wichtigste. Freunde, die alles von mir wissen und mich trotzdem lieben. Das ist wirklich ein Geschenk.

Aber für dieses Geschenk muss man auch bereit sein. Man muss etwas dafür tun, dass einem solche Geschenke überreicht werden. Und das ist immer wieder etwas ganz Wunderbares.

Und das sage ich auch den Leuten: Ihr seid Herr über eure Gedanken.

Selbst wenn jemand etwas Unangenehmes oder etwas Schlechtes sagt und man aus der Haut fahren und ausrasten könnte, dann sage ich mir: Okay, der hat etwas gesagt. Aber für meine Reaktion bin ich selbst verantwortlich. Und so hat sich das bei mir verändert.

virtualdesignmagazine Michael Hiller

Ja, absolut. Sie haben ja gerade gesagt, dass Sie dankbar sind für die Dinge, dafür, dass Sie so leben können und diese ganzen Erfahrungen gemacht haben. Das hat ja auch etwas mit Demut zu tun.

 

 

Günther Krabbenhöft

Genau. Ja, das ist nicht selbstverständlich.

virtualdesignmagazine Michael Hiller

Das ist nicht selbstverständlich….viele nehmen heutzutage alles als selbstverständlich, aber wenn man selber, ich sag mal, durch viel Schatten gegangen ist, dann sieht man auf der anderen Seite auch das Licht. Und dadurch hat man natürlich auch einen Schatz an Demut aufgebaut. Und diese Demut ist eigentlich auch der Schlüssel, mit großer Empathie auf Menschen zuzugehen.

 

Günther Krabbenhöft

Und es ist doch auch so, ich sage auch den Leuten, man sollte sich den Blick für die kleinen Dinge bewahren. Die meisten Leute, wollen immer das Große, das Auto, das Haus, die Reise, alles gut und schön. Aber, wenn sie das dann nicht erreichen, dann haben sie immer das Gefühl, sie haben überhaupt kein Glück und erreichen nichts. Ich selbst habe mir auch das erschlossen, das Glück kennt ja nur Minuten. Und es ist überall, auch in meinem Alltag. Wenn ich irgendwo sitze und sehe, wie plötzlich die Sonne hinter irgendetwas hervorkommt und Sonnenstrahlen an der Wand lang wandern und die Dinge, die sie berühren zum Leuchten bringen. Oder ich sitze irgendwo und trinke einen Kaffee und schaue einem Kind zu, wie es mit einer tropfenden Eistüte kämpft. Also dann sehe ich das nicht nur, sondern ich habe auch ein Gefühl und denke, wie schön das ist. Das ist so alltäglich und jeder kennt das.  Aber es berührt mich wirklich. Oder ich sehe, wie aus dem Asphalt, oder zwischen lauter Steinen ein Löwenzahn  durch so eine kleine Ritze hervorkommt und denke, oh, was für eine Kraft. Diese Dinge, die sehe ich, erlebe sie und spüre sie. Und das ist auch der Quell von Wohlbefinden – Glücksmomente im Laufe eines Tages sammeln. Und das ist überall, auch in der Stadt, irgendwie möglich. Es gibt so viele kleine Wunder zu entdecken. Und wenn man das kann oder wenn man das übt, dann hat das wirklich so viel Glückpotenzial und Zufriedenheit. Und das sollten die Leute wieder mehr lernen. Dankbarkeit für diese Dinge, die überall sind und jederzeit greifbar. Und ich muss sie nur sehen, aufheben und spüren. Und dann trägt einen das Glück eigentlich bis zum Ende.

virtualdesignmagazine Michael Hiller

Das ist ein wunderbarer Abschlusssatz für diese aufschlussreichen Einblicke in Ihr Leben. Ich hoffe, Ihnen hat unser Gespräch auch Spaß gemacht.

Günther Krabbenhöft

Ja, es hat mir Spaß gemacht, ja, weil ich auch Dinge sagen konnte, die mir wichtig sind – die konnte ich sagen und den Leuten wirklich ans Herz legen.

Also ja: lebt das Leben. Aber wie gesagt, es muss nicht für jeden so sein. Das ist auch nur eine Möglichkeit. Für mich ist es die Möglichkeit geworden, bei der ich denke: Ich bin glücklich dabei, und das entspricht genau meinen Vorstellungen von Lebendigkeit.

Und wenn andere sagen: Nö, ich bin lieber im Garten – alles gut. Jeder hat seine Glücksinsel. Und jeder weiß am besten selbst, was ihn glücklich macht. Da braucht ihm keiner etwas zu erzählen.

Dann soll er es bloß machen. Einfach machen. Denn es ist wichtig – auch im Alter. Für die Gesundheit ist es immer wichtig, in jedem Alter.

Und das kann ich den Leuten immer nur ans Herz legen. Es freut mich, wenn der eine oder andere sich vielleicht daran erinnert, wenn er das liest oder darüber hört, worüber wir gesprochen haben.

Und mutig sein. Immer mutig. Mut haben, diese Dinge wirklich zu tun.

Und nicht, wenn andere Leute einem sagen oder denken, sie müssten sagen: Dafür bist du zu alt und so weiter und so fort. Dann wirklich zu sagen: Hey Leute, ich setze mir selbst meine Grenzen. Und nicht andere. Nicht irgendwelche Dinge, die irgendwann mal beschlossen wurden.

Ja. Ich bin ich. Und wer will mir verbieten, glücklich zu sein? Das kann ja wohl nicht sein.

Alter, ja, das muss nicht ohne Glück stattfinden. Nein, natürlich nicht.

Rein ins Leben.

Mode

hat

viele

Facetten

Herr Krabbenhöft, ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich die Zeit genommen haben.