das KULTURgespräch   

GÜNTHER KRABBENHÖFT

das KULTURgespräch   

GÜNTHER KRABBENHÖFT

Eine Reflexion über Stil, Zeit und Persönlichkeit

…hier geht es intensiv

virtualdesignmagazine Michael Hiller

Haben Sie sich zu diesem Zeitpunkt schon mit Kunst, mit Stil, mit Mode beschäftigt? Oder war es eher so, dass Sie gesagt haben: Ich muss meinen Weg erst einmal finden? Wie ist das genau passiert?

Ich gehe deshalb noch einmal ein Stück zurück, um besser zu verstehen, wie sich so ein Lebensweg entwickelt.

Günther Krabbenhöft

Ich bin, wie gesagt, auf dem Dorf groß geworden. Meine Kochlehre habe ich in Hannover gemacht, und während dieser Zeit musste ich immer pendeln, noch mit der Dampflok. Das war sozusagen die Verbindung zwischen Dorf und Stadt.

Ich bin in einem ziemlich konservativen Elternhaus aufgewachsen. Da herrschten, sagen wir mal, Zucht und Ordnung. Wenn man nicht gespurt hat, gab es auch mal ein paar hinter die Ohren. Ich habe darunter als Kind sehr gelitten. Das war oft sehr demütigend für mich, diese Erziehung, diese körperliche Züchtigung, wenn man sich nicht so verhalten hat, wie die Eltern das wollten.

Als meine Lehre beendet war, habe ich verschiedene Stellen angenommen, wie man das im Kochberuf eben macht. Man zieht ein bisschen durch die Lande, arbeitet in Hotels, schaut den anderen in die Töpfe, erweitert seine Kenntnisse.

Ich hatte aber auch diesen Traum: Ich wollte aufs Schiff. Ich wollte unbedingt zur Hamburg-Amerika-Linie, ich wollte mit der Hanseatic fahren, von Hamburg nach New York. Das war so meine Vorstellung. Ich habe mich beworben, und eigentlich war alles schon klar. Im Herbst sollte es losgehen, das war mir im Frühjahr zugesagt worden.

Dann stand ich da, hatte meinen Job schon gekündigt, und habe mich gefragt: Was mache ich bis dahin? Und da kam plötzlich dieser Gedanke: Ich gehe nach Berlin.

Berlin war für mich damals verbunden mit Menschen, die dem Wehrdienst entgehen wollten, mit Freiheit, damit, dass es keine Sperrstunde gab. Viel mehr wusste ich eigentlich nicht. Aber ich wusste, dass man dort ziemlich unbehelligt leben konnte. Und anders, mit vielen Verlockungen und Verheißungen.

Dann bin ich in Berlin gelandet. Und da hat das Leben erst einmal ganz andere Zeichen gesetzt.

virtualdesignmagazine Michael Hiller

Ich denke, gerade wenn man in einer Großstadt lebt, verändert einen das natürlich, besonders in einer Stadt wie Berlin.

Der Ausdruck, den Sie heute mit Ihrer Persönlichkeit nach außen tragen, auch über Ihre Kleidung, ist ja im Grunde eine Reflexion vieler Lebensjahre. Sie erleben Berlin inzwischen mit einer ganz bestimmten Wahrnehmung und die Menschen reagieren darauf.

Sie drücken etwas Besonderes aus. Zunächst natürlich über Ihren Stil, über Ihre Art, sich zu kleiden. Sie tragen nicht Schwarz oder Grau, sondern eine, ich sage das bewusst vorsichtig, bunte, aber sehr stilvolle Kleidung, die Sie außergewöhnlich gut kombinieren.

Und darüber hinaus tanzen Sie durch Berlin. Ist das richtig formuliert – tanzen Sie manchmal durch Berlin, um Ihre Lebensfreude auszudrücken? Oder ist das schon zu weit gegriffen?

Günther Krabbenhöft

Es gab eine Zeit, da war die Musik mein Taktgeber, in der Bewegung, im Sich-Bewegen durch diese Stadt. Das hat mich durch Berlin getragen.

Ja, aber auch mit meiner Kleidung in Berlin, das ist ja eigentlich schon immer da gewesen. Selbst in Hannover habe ich mich bewusst angezogen. Da gab es schon die Anfänge. Ich habe darüber nachgedacht. Ich bin ja nicht wie die anderen. Jeder ist ja ein Einzelstück. 

Und dann habe ich gesagt: Dann muss ich doch herausfinden, was auch kleidungsmäßig zu mir passt. Mir war klar, und das habe ich heute noch, dass ich Massenveranstaltungen nicht so gut finde, wenn alle Leute gleich aussehen. Und so ist es ja auch in Berlin und in allen Städten und überhaupt in der Mode, in der Welt: Da gibt es Trends, und dann sehen viele Menschen ähnlich aus.

Nur wenige Menschen machen wirklich ihr eigenes Ding. Ich habe damals schon gemerkt, dass ich anders bin als die anderen. Und deshalb kann ich ja auch nicht so aussehen wie die anderen. Das war mir immer klar. Ich hatte da meine eigene Vorstellung.

Und das habe ich auch durchgesetzt und gemacht, obwohl ich in den 60er-Jahren als junger Mensch schon viele, na ja, eher negative Bemerkungen bekommen habe, weil ich nicht den üblichen Jugendstyle hatte.

Ich habe viel experimentiert. Und manchmal bin ich heute ganz froh, dass es davon vielleicht keine Fotos gibt. Aber ich habe immer mein eigenes Ding gemacht.

Und in Berlin ist es so: Seit ich älter bin, meine Freundin hat diesen Begriff geprägt, in Berlin leistet sie ästhetischen Widerstand. Ja, und das ist bei mir auch so. Ich denke, es ist so viel möglich, und trotzdem verschwinden so viele Menschen in der Komfortzone des Massengeschmacks.

Das ist etwas, was mich immer beschäftigt. Ich denke: Es gibt doch so viel. Warum findet ihr eigentlich nicht heraus, wer ihr wirklich seid? Was sich auch in der Kleidung widerspiegelt. Kleidung ist für mich immer der Rahmen meiner Persönlichkeit gewesen. Also Kleidung, nicht Mode. Mode hat mich eigentlich wenig interessiert, sondern Kleidung als Rahmen, die etwas aussagt über mich.

 

Mode hat mich eigentlich wenig interessiert...

Und das ist heute noch so. Ich schaue genauso auf meine Mitmenschen und denke: Warum ist es eigentlich so, dass man in dieser Komfortzone mitschwingt, weil man unsichtbar sein möchte oder nicht auffallen will? Dabei fallen sie für mich gerade dadurch auf.

Wenn jemand sagt: ‚Ich mache mir nichts daraus, es interessiert mich nicht‘, dann denke ich immer: Doch, das interessiert dich. Weil ich sehe, dass dich das nicht interessiert. Du sendest also auch eine Botschaft aus und das glauben die Leute immer nicht.

Jeder greift morgens zu irgendetwas. Zu etwas, das er in seiner Klamottenauswahl gut findet. Nicht, dass man stundenlang davorsteht und überlegt, was man anzieht – aber vielleicht greift man schlafwandlerisch zur Jeans und zum alten, zerknitterten T-Shirt.

Und genau das ist dann die Aussage: ‚Es interessiert mich nicht.‘ Und das finde ich schade, dass das so wenig Bedeutung hat.

Es geht dabei nicht um irgendwelche Brands oder Marken. Es geht um etwas ganz Persönliches.“

virtualdesignmagazine Michael Hiller

Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel ›Sei einfach du‹. Darin benennen Sie im Grunde, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, oder eigentlich haben sollte, seine eigene Persönlichkeit nach außen zu tragen.

Ich glaube, dass viele Menschen Angst haben, genau das zu tun, gerade auch ab einem gewissen Alter.

Wenn man sich Ihre Bekanntheit anschaut, die schwappte ja regelrecht um den gesamten Globus seit 2015 und in dieser Zeit hat sich unheimlich viel verändert. Gerade in den letzten zwei, drei Jahren, weltweite Konflikte, dann kam die künstliche Intelligenz hinzu, bei der wir ja noch ganz am Anfang stehen und gar nicht wissen, wohin die Reise geht.

Schaut man heute auf Instagram, sieht man vielfach nur noch glatt polierte Menschen, glatt polierte Schönheiten, glatt polierte Welten. Und wenn sich junge Menschen daran orientieren oder orientieren wollen, wissen viele gar nicht mehr: Wer bin ich eigentlich? Wo will ich hin? Oder, wer will ich sein?

Das Buch ›Sei einfach du‹ – wenn ich es jetzt als eine Art Ratgeber bezeichnen würde, trifft das eigentlich nicht ganz. Ist es nicht vielmehr eine Lebensempfehlung?

Günther Krabbenhöft

Ja, unbedingt. Ja, so würde ich das auch sehen.

Das herauszufinden ist ja auch ein langer Weg. Und das bedeutet immer Reflexion.

Und heute mit diesen ganzen Möglichkeiten, mit diesem glattgebügelten, wie Sie gesagt haben und mit der KI: Ich kann die Leute nicht aus dieser Verantwortung herausnehmen, diese Dinge wirklich wahrzunehmen, dass das nicht die Wirklichkeit ist.

Ich finde, das erkennt man.  Man sieht, ob etwas echt oder unecht ist. Selbst bei KI heute ist es so, dass ich denke: Okay, das ist mir zu glatt. Also dann ist gleich dieses Gefühl da, das stimmt nicht, weil das Leben ganz anders ist.

Und das wissen ja die jungen Leute, dass das Leben ganz anders ist. Wenn sie sich vor einen Spiegel stellen, dann sehen sie da einen Pickel, eine Rötung oder so. Und dann fragen sie: Aber warum sehen denn die anderen so aus? Das sieht man ja, weil die Leute übertreiben auf eine Art so doll.

Also es ist ja nicht so eine Grenze, wo man nicht mehr weiß, ist das echt oder unecht. Sondern es ist einfach unecht, weil man sieht, das Leben oder die Menschen sehen nicht so aus.

Und ich finde, das müssen auch schon 16-, 17-, 18-Jährige kritisch hinterfragen. Ich weiß ja, wenn wir alle so denken, die Jugend von heute ist nicht mehr so wenig informiert wie wir früher, dann nehme ich das auch ernst, dass die das wissen müssen und sich da auch drum kümmern müssen.

Und auch sagen: Okay, ich will eigentlich nur jemand, der für mich ein Vorbild ist, der echt ist. Und nicht ein makelloses Bild, was eigentlich im Museum hängen müsste, von Malern gemalt und irgendwie nichts mit dem Leben zu tun hat.

Das müssen die jungen Menschen doch merken. Also das ist mir auch immer ein Rätsel, wenn man darüber denkt:  das ist ein Vorbild, und die Leute machen das nach.

Also nein, das kann ja nicht sein, dass die das nicht wissen heute mit 16, 17, was da Fake ist oder nicht. Die wissen sonst alles.

virtualdesignmagazine Michael Hiller

Davon gehe ich auch aus. Sie haben ja sehr viel Kontakt zu jungen Leuten und gehen in die Techno-Szene, in die Clubs – da ist die Kommunikation mit jungen Menschen automatisch da.

Merken Sie, dass dort eine Veränderung stattgefunden hat? Durch diese absolut künstliche Ästhetik?

Oder ist es eigentlich so, dass auf der einen Seite die digitale Welt steht und auf der anderen Seite die reale Welt, die ganz anders aussieht? Dass also schon ein Verständnis da ist, dass vieles in gewissem Maß übertrieben ist, gerade im Internet, während das Leben ganz anders aussieht.

Wenn Sie sich mit jungen Menschen unterhalten, was kommt da für eine Reflexion? 

Die jungen Menschen sehen ja, wie Sie aussehen, wie Sie authentisch wirken. Und das überträgt sich doch – denke ich zumindest. Reagieren sie darauf? Dass Sie persönlich denken, das ist ja eine tolle Reflexion – die nehmen mich wahr, und sie sehen auch Werte dahinter?

Sie verkörpern nicht nur Stil und Kleidung, sondern auch Haltung und Würde. Und das macht das Ganze – ich sage mal – so wertig. 

Günther Krabbenhöft

Ja, die jungen Leute – es gibt da eigentlich beide Sorten. 
Die einen wollen so eine Art Abbild sein von jemandem, den sie verehren, der da im Netz rumgeistert, und den sie dann kopieren möchten. Und die anderen erkennen dieses Künstliche und Überzogene schon.

Und ich bin ja auch auf irgendeiner Seite einfach nur ich. Ich sehe mich ja nicht so, dass ich etwas besonderes  anziehe. Das sind ja eigentlich Klassiker, die ich trage. Ich entwerfe nichts, was schrill ist oder schräg. Ich bediene mich der Dinge aus der klassischen Herrenmode, die ich vielleicht nur etwas lockerer zusammensetze.

Ich möchte ja auch nicht eins zu eins aussehen wie ein englischer Landlord. Und das merken die Leute. Und dadurch bin ich auch in meinem Alter plötzlich einer von den jungen Leuten, die auch versuchen, ihren eigenen Style zu machen.

Das merke ich, wenn ich durch die Straßen gehe: Es sind oft ganz junge Leute, die mich anlächeln oder mir sagen: ‚Sie sehen toll aus‘, ‚geiler Style‘ oder so etwas. Und das ist nicht nur ab und zu mal – das erlebe ich wirklich sehr, sehr häufig auf meinem Weg durch die Stadt.

Dass junge Leute mir das sagen und dass ich für viele auch eine Inspiration bin – das ist etwas, das ich überhaupt erst begreifen musste. Dass ich als Älterer junge Menschen begeistere. Ich weiß auch nicht genau, warum das so ist.

Vielleicht, weil sie ein festes Bild davon haben, wie ältere Leute eigentlich sind. Und ich habe in dieser Zeit viele junge Menschen, zu denen ich seit zehn Jahren eine Verbindung habe. Ich werde in ihre Jugend eingeladen.

Nicht, weil sie denken: ‚Ach, der arme alte Mann, der ist sonst so einsam.‘ Nein. Wir haben in vielen Dingen das gleiche Mindset. Meine Lust, Neues auszuprobieren, manchmal ein bisschen am Rad zu drehen – das ist etwas, das einfach auch mein Naturell ist.

Und das kommt den jungen Leuten entgegen. So haben sie nicht das Gefühl: ‚Oh, dieser betuliche Opa – das passt ja überhaupt nicht zu uns.‘

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virtualdesignmagazine Michael Hiller

Sie wirken in keiner Art und Weise alt. Sie wirken eher jugendlich – jung geblieben in Ihrem gesamten Wesen.

Dadurch entsteht natürlich eine Persönlichkeit, die inspirierend ist. Man kann sagen: Ich habe gar keine Angst mehr, alt zu werden oder älter zu werden.

Es gibt viele Meinungen dazu. Der eine sagt: ‚Oh, ich habe Angst vor der Null, vor der Fünf und der Null.‘ Also: Ich werde 50, ich werde 60, ich werde 70, ich werde 80. Und diese Angst liegt wahrscheinlich in der menschlichen Natur.

Aber man kann mit diesem Gedanken, älter zu werden, wahrscheinlich auch anders umgehen.

Wie sind Sie eigentlich damit umgegangen? Als Sie 70 geworden sind – hatten Sie, wenn ich das fragen darf, auch ein Problem mit dieser Zahl, mit dem Alter? Oder ist Ihnen das vollkommen egal?

Günther Krabbenhöft

Ja, ich habe Probleme damit. Wenn ich heute 80 sage, dann könnte ich mich ausschütten vor Lachen. Weil das überhaupt nichts mit mir zu tun hat. Dann denke ich, was für ein geiler Scheiß das ist. Da steht 80 und damit habe ich überhaupt nichts zu tun. Natürlich ist es schon ein Vorteil, wenn man gesund ist. Und ich finde, das beste Anti-Aging Mittel ist für mich, viel Lust aufs Leben zu haben. Es gibt ja Leute, die dann sagen, ey, kann der Alte nicht mal öfter zu Hause sein und sich wie ein richtiger Großvater benehmen  und dass der da noch mitmischt… Ich denke immer, nein, Schluss ist erst, wenn Schluss ist. Und ich habe so große Lust aufs Leben, und das war nicht immer so. In meinem Buch habe ich darüber geschrieben, über diese wahnsinnigen Abstürze. Und wenn ich mich heute sehe, da bin ich eine Inspiration. Es hat eine Entwicklung in mir stattgefunden, sodass ich heute darauf schwöre, dass es möglich ist, einen ängstlichen, zurückhaltenden, depressiven Menschen in die andere Richtung umzukehren.

Wenn man sieht, ich will nicht so sein. Ich habe gedacht, das Leben fühlt sich einfach besser an, wenn ich positiv und mit Freude meine Dinge mache. Es ist einfach so. Und runter vom Sofa und rein ins Leben ist meine Devise.

das KULTUR

gespräch   

virtualdesignmagazine Michael Hiller

Das ist wunderbar. Sie strahlen jetzt auch eine unheimliche Lebensfreude aus. Wirklich ansteckend und inspirierend!

Und ich merke auch, dass Sie sehr viel Lust haben auf alles, was noch kommt, auf das, was in nächster Zeit ansteht.

Sie haben ja auch eine hohe Affinität zur Techno-Szene, zur Techno-Musik. Eine Musikrichtung, die Sie wahrscheinlich nicht immer begleitet hat. Und Sie hören sicher auch andere Musikrichtungen.

Aber wie sind Sie eigentlich zur Techno-Musik gekommen? Wie hat sich das entwickelt? Kam das eher spontan?

Günther Krabbenhöft

Also, das ist etwas, wo ich mich auch immer wundere.  Ich frage mich wirklich, wo eigentlich die Leute in meinem Alter sind, die da mitmischen.

Die Musik hat ja angefangen, sich im Rhythmus zu verändern. Das war schon in der Disco-Ära. Da waren plötzlich andere Beats da. Und es wurde freier dazu getanzt.

Dann kam Acid, dann House-Musik. Das war ja eine Entwicklung. Und ich finde diese Bewegungen, dieses freie Tanzen gut – einfach das, was man in sich spürt, ohne Vorgaben, wie bei anderen Tänzen, wo du Schrittfolgen einhalten musst.

House, Techno und Disco waren frei. Da ging es um Bewegungen, die aus dir herauskamen. Und das war genau meins. Ich konnte Gefühle damit ganz anders ausdrücken.

Ich dachte nicht: Ach, jetzt mache ich mal Techno. Das ist eine Entwicklung gewesen, die es schon vorher gab. In den 70er-Jahren fing das an, und das habe ich eigentlich immer mitgenommen, durch mein Leben.

Ich habe das immer gut gefunden. Ich habe mich da nicht angebiedert. Und die Leute sagen dann, Alter, du spürst diesen Beat, du hast diesen Move.

Und dann denke ich: Ja, ich spüre das. Das hat vielleicht nicht jeder, aber man muss schon Lust auf Bewegung haben. Bei Männern ist es ja oft so, dass viele echte Bewegungs-Legastheniker sind – die meisten vielleicht – und die sagen dann: Nee, das ist nichts für mich. Und das ist ja auch völlig in Ordnung.

Wichtig ist nur, dass man überhaupt Lust hat zu tanzen. Welcher Tanz auch immer. Denn das ist wirklich eines der besten Mittel gegen Vereinsamung, gegen Einsamkeit – und um Bewegung in den Körper zu bringen.

Als ich angefangen habe, in Techno-Clubs zu gehen, hatte ich natürlich auch diese Schere im Kopf. Da habe ich manchmal gedacht: Ach Günther, kannst du da wirklich hingehen? Nachher denken die, der Alte kriegt gleich einen Herzklabaster, der ist jetzt auf dem Party-Trip. Das sind so Dinge aus der Jugend, was sollen die Leute denken? Aber auch da, alle Dinge, die zu mir kommen sollten, sind zu mir gekommen. Diese ‘berühmten’ zwei Mädchen, die mich auf der Straße angesprochen haben, die sagten: Du siehst ja cool aus, wo gehst du denn hin?

Ich war verabredet, und dann sagten die: Wir gehen jetzt ins Berghain, hast du nicht Lust mitzukommen?

Das fragten mich so 22-jährige Mädchen. 

Und für mich war das so ein Moment: Jetzt ist es so weit. Jetzt bin ich im Club aller Clubs. Und die haben mich mitgenommen.

Und um es abzukürzen: Ich bin natürlich mit denen rein gekommen. Ich habe gestaunt und gedacht: Wow, was ist das hier? Ich konnte mich erst gar nicht an dieses Halbdunkel gewöhnen.

Die Mädels haben mir ihre Freunde vorgestellt, mir alles gezeigt – wo was ist und so weiter.

Und dann war ich das erste Mal acht Stunden da. Acht Stunden Party, als gäbe es keinen Morgen.

Als ich nach Hause gegangen bin, habe ich gedacht: Wie geil war das denn?

Ich schwebte wie ein Luftkissenboot kurz über der Erde und dachte: Das mache ich jetzt öfter.

Und genau so ist es dann auch gewesen. Das war so diese Zündung.

virtualdesignmagazine Michael Hiller

Das ist ja eine unglaubliche Fülle an Leben, was in dem Moment alles so auf Sie eingeprasselt ist. Wenn man sich mal so vorstellt, bei vielen Menschen, die in den Altersruhestand gegangen sind oder gehen, ich finde das Wort Altersruhestand persönlich schon irgendwie ein bisschen…

Günther Krabbenhöft

Unruhestand, ja.